Tilmann Zahn

 

Tilmann Zahn sucht Orte auf, die andere meiden: Die schäbigen und unwirtlichen Rückseiten der glitzernden Konsumwelt. Zu Güterbahnhöfen, Industrieanlagen, Ladeplätzen für Lastautos führen seine Wege. Zu Orten, an denen Waren produziert und an denen Waren umgeschlagen werden, en gros und in Containern, denen der Schmutz der Reisen, der Schweiss der harten Arbeit anhaftet.


Im Gras, das staubgrau aus den Pflasterfugen spriesst, findet Tilmann Zahn zuweilen Lastwagenplomben, dünne Metallbänder mit einer Zollmarke. Bizarr verknickt liegen die Plombierbänder am Ende der Reise in der vorstädtischen Ödnis. Man ahnt noch das Normierte der grotesk deformierten Metallbänder und kann es doch nicht greifen, es benennen. Ein tastender Zustand, der Zahn besonders reizt. Immer wieder tauchen in seiner Arbeit Formen auf, die vage aber zwingend an Werkzeuge nicht erkennbarer Funktion erinnern. In einigen Arbeiten, grossformatigen Materialbildern, sind Fundwerkzeuge eingearbeitet, vorzugsweise Geräte mit deutlichen Altersspuren, deren Handhabung dunkel bleibt.


In abstrahierter Form tauchen die enigmatischen Werkzeuge in den so genannten Ölpapieren auf: Körnige, ungrundierte Papiere werden in verdünnter Ölfarbe gebadet, mit Graphit oder manuellen Verfahren bearbeitet. Erste Versuche mit diesem Verfahren hat Zahn um 1989 gemacht. Seit 2005 entstanden dann etliche Serien, die die Technik variieren. Gezeichnete Formen erscheinen als schattenhafte Flächen im gefärbten Papier. In einer späteren Phase wurden oft filigrane Formen aus dem Papier gerissen. In den jüngsten Arbeiten sind nur noch Umrisse präsent. Schemenhafte Linien und fransige Konturen der Ausrisse unterstützen den Eindruck von Alter und Verschleiss, der durch die erdig - dunklen, wie von Rost und Staub und träger Zeit stumpf gewordenen Brauntöne entsteht, aus denen Zahn seine Farbbäder mischt.


Beim Ölfarbbad entwickelt die Farbe eine starke Eigendynamik. Tilmann Zahn kennt Kniffe, die diese Dynamik steuern, die lineare Strukturen oder marmorierte Effekte begünstigen, doch bleibt Spielraum für das Eigenleben der Farbe. Schon als Kind sei er, bei Ausstellungsbesuchen mit den Eltern, „in die Farbflächen hineingesogen worden“. Flächenstrukturen, Farbwirkungen haben den 1966 geborenen Zahn, der in Düsseldorf aufwuchs, seit jeher beschäftigt. Künstlerisch vielseitig, studiert er Musik, doch der Drang, sich auch visuell auszudrücken, lässt ihn nie los. Neben seinem Engagement als Oboist im Sinfonieorchester Basel experimentiert er im Atelier mit Farben und Malgründen, auf der Suche nach einem adäquaten Ausdruck „für etwas Dunkles, Verlorenes“. Mit den Ölpapieren, die vor allem Farbe sind, hat Zahn zu einer subtil - ausdrucksvollen Bildsprache gefunden.


Zahn findet auf seinen Streifzügen, die immer auch Wege zum Selbst sind, nicht nur Lastwagenplomben, sondern auch archaische Bilder, die in ihm „aufblubbern“ und die an Zäune erinnern, an Buchstaben, an Symbole verborgener Bedeutung. Bilder, die einer entfernten Vergangenheit ebenso angehören wie einer unbestimmten Zukunft. Seine Bilder seien fertig, bevor er ins Atelier gehe, sagt er denn auch. Nicht zufällig gehört Tom Waits im Atelier zu den Musikvorlieben des Musikers Zahn: Spieler, Trinker und Verlierer, die im Schatten des amerikanischen Traums den Blues leben, begleiten ihn, wenn er Weggeworfenes und Wiedergefundenes in Farbzeichen fasst.


Sinnbilder verlorenen, unzugänglichen Wissens sind die werkzeugartigen Formen Zahns. Das berührt eine gesellschaftliche Realität: Bruchstückhaft partizipiert der Einzelne am Wissen der Zeit; laufend werden neue Erkenntnisse gewonnen, gehen alte verloren. Bei Zahn ist das Werkzeug, dessen Funktion verloren gegangen ist, wie ein Schlüssel ohne Tür. Das Schloss zum Schlüssel kann allenfalls gedacht werden und mit ihm zahllose mögliche Räume des Denkens und Imaginierens. Tilmann Zahns Bilder öffnen gleichsam mit rostigen Zangen einen hochsensiblen Raum.



A. Henkes, 2007


Das Innerste berühren


Tilmann Zahn schärft das Auge für Entwertetes. Er macht die Verwerfungen der Materie durch die Projektion innerer Bilder deutlich. Er sieht in den Wunden abgenutzten Materials ein Gleichnis des Lebens.


Seinen Bildern und Objekten haftet ein zeitloses „memento mori“ an, das seinen Ursprung in Zahns starker Affinität zu allem hat, was um die Themen Abschied, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit kreist. Hier nimmt er klar Bezug auf die „Vanitas“-Symbole alter Meister, die ihm, wie er sagt, oft vorkommen wie längst vergessene, geheime Botschaften aus einer vergangenen Welt, sprechen sie doch eine so vollkommen andere Sprache als die glatt polierte und synthetische cyberworld unserer Tage. „Eigentlich sind meine Bilder moderne Versionen des alten ‚Omnia Vanitas‘-Themas“, sagt er zu seinen Arbeiten, und: „Schmutzige, verlassene Orte scheinen mir ehrlicher als glänzende Glas- und Marmorfassaden. Die wahren Schönheiten finden sich im Dreck, nicht in den Auslagen unserer Konsum-Paläste.“


Auf Spurensuche an den Rändern der Zivilisation sammelt er seine „Souvenirs“, die Rudimente entwerteter Nützlichkeit. Die veränderte Sichtweise ermöglicht seinen Fundstücken eine neue Seinsweise: Das Entwertete erhält neuen Wert, das Banal scheinende wird nobilitiert, das Profane wird letztlich zum Heiligen. Eine Reihe kleiner Arbeiten, die mit ihren herausgerissenen und sorgfältig wieder eingebetteten Zeichen an kunstvolle Intarsienarbeiten erinnern, nennt er denn auch „Kleinode“.


Wenn Zahn Leinwände perforiert und Papier in filigranste Gebilde zerreisst, dann geht es immer auch darum, den Dingen auf den Grund zu gehen.Es geht darum, das Material nicht bloss an seiner Oberfläche zu bearbeiten, sondern an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu gehen und darüber hinaus bis in seine innerste Beschaffenheit vorzudringen, um dabei die Schönheit sichtbar zu machen, die sich erst in der Verletzlichkeit ganz offenbart.


K. Piwecki, 2008

Melancholie als Sehnsucht nach Erkenntnis


Für Tilmann Zahn ist die Farbe ein starker Bedeutungsträger und zentraler Aspekt der künstlerischen Komposition. Gleichzeitig ist die Farbigkeit seiner Arbeiten nicht das Ergebnis eines klassischen Malaktes, sondern das Resultat eines Vorgangs, der sich vom Künstler nicht in allen Einzelheiten steuern lässt: Büttenpapier wird in Ölfarbe getränkt, bis es vollständig von ihr durchdrungen ist. Die Eigendynamik dieses Prozesses hinterlässt eine Färbung, in der die Tiefe des Farbtons variiert und fleckige Spritzer zurückbleiben.


Tilmann Zahn zeichnet feine Linien auf das Papier, und es bildet sich ein Lineament aus Bleistift und Graphit als Spur eines Aktes, der als Geste des Einschreibens betrachtet werden kann. Zeichnung und Linie sind somit Ausdruck gedanklicher wie emotionaler Eingebungen und künstlerischer Visionen. Sie sind Äusserungen zwischen Andeutung und Konkretem. Manchmal sind Buchstaben und Textfragmente lesbar, oft jedoch nur rekonstruierbar - und meistens nicht einmal das. Dennoch sind direkte Bezüge durchaus möglich: In „Coney Island piece no. 2“ (2010) aus der Serie „American pieces“ ist der spiegelverkehrte, aber lesbare Schriftzug „WONDER WHEEL“ wesentlicher Bestandteil der Komposition. Überdies ist er Anhaltspunkt, der unser kollektives Gedächtnis inspiriert und Erinnerungen und Bilder an New Yorks legendäre Vergnügungsparks im Süden von Brooklyn heraufbeschwört.


Und auch wenn die Hinweise weit weniger konkret sind, wie in der Arbeit „New York City piece no.2  (2010), gelingt der Zugriff auf unseren kulturell geprägten Fundus an Erfahrungen, Bildern und Wissen und auf die daran geknüpften Emotionen nahezu unmittelbar. Undeutlich, aber entzifferbar sind hier die Wörter „NEVER“ und „SLEEP“, die wir augenblicklich identifizieren als Bruchstücke aus Frank Sinatras Hymne an New York, der „city that never sleeps“. Im Zusammenspiel mit dem ebenfalls nur schemenhaft erkennbaren Slogan“TOO BIG TO FAIL“ erahnen wir den vom Künstler intendierten Kontext. Doch überlässt er uns der Abfolge von gedanklichen Verknüpfungen, die sich aus hoffnungsvollen Utopien und glanzvollen Träumen ebenso speisen wie aus der verhängnisvollen Absurdität der Hybris - es bleiben Erkenntnis und Wehmut.


Am auffälligsten unterscheiden sich Tilmann Zahns Papierarbeiten von aktuellen Papierschnitten dadurch, dass er das Papier reißt und nicht schneidet. Die exakt geschnittene Linie ist in den meisten zeitgenössischen Papierschnitten das Pendant zur gezeichneten Linie - was einer künstlerischen Technik entspricht, die Henri Matisse als „mit der Schere zeichnen“ beschrieben hat. Tilmann Zahns Intention hingegen ist eine andere. Er ist weniger an grafischen Aspekten von Papierarbeiten interessiert als vielmehr an einer sinnfälligen Transformation des Materials: Papier und gerissene Formen erscheinen wie Strukturen im Stadium des Verfalls, ihre haptische Anmutung ist die von rostigen metallenen Architekturen und Fundstücken. Verstärkt wird der Objektcharakter durch die bevorzugte Präsentation der Werke an Stahlnägeln und mit Abstand zur Ausstellungsfläche hängend.


Das Objekthafte der Werke erzeugt im Zusammenwirken mit ihrer intensiven Stofflichkeit aus Farbe und Form, Unebenheiten und Lineament eine räumliche Dimension, die Ort ist für Imaginationen über Vergangenes oder gar Verlorenes und gleichsam Zugang ermöglicht zu vage Erinnertem oder blossen Ahnungen. Und mit dem Nahblick auf die rauh strukturierte Oberfläche des Papiers die weich ausgerissenen Konturen ertastend und eingetaucht in das satte dunkle Braun der Ölfarbe dem dem unübersichtlichen Gefüge von Linien aus Graphit und Bleistift folgend, erliegen wir dem Charme der Traurigkeit.


Vergänglichkeit und Melancholie haben als die klassischen Themen in den Künsten ihren Reiz nie verloren. Aspekte des memento mori sind auch in den Arbeiten von Tilmann Zahn präsent, sie sind Sinnbilder  für die in architektonischen Überbleibseln urbaner Strukturen innewohnenden Geister früheren Daseins. Doch entfernt von jeglicher Vanitas-Litanei bewirken seine Werke keine kontemplative Schwermut. Viel zu dynamisch sind sie in Form und Komposition, sie halten unsere Gedanken in Bewegung. Als „Hybridgerüst“ oder „Hybridschrott“ bezeichnet er jüngere Arbeiten und benennt damit einen Zustand des Dazwischen, der sich sowohl auf die Wirkung seiner Arbeiten bezieht - nicht mehr nur Papier und niemals wirklich Metall - als auch auf sein künstlerisches Konzept.


Die seinen Reminiszenzen und Andeutungen immanente Melancholie entspricht dem Bedürfnis des Künstlers nach Erkenntnis. Eindeutigkeit zu vermeiden ist sozusagen künstlerisches Prinzip, das größtmöglichen Freiraum bietet für Imagination und Assoziation. Überzeugend ist dieses Konzept vor allem deshalb, weil die berührende ästhetische Qualität der Arbeiten von Tilmann Zahn auch zu der Erkenntnis führt, zuversichtlich zu sein.


P. von Sydow, 2014

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